Wenn wir in Deutschland die Gasheizung aufdrehen, denken wir an steigende Preise, blicken auf die Füllstände der Gasspeicher und fragen uns, ob wir sicher durch den Winter kommen. Doch eine Frage bleibt ausgeblendet: Was passiert eigentlich am anderen Ende der Pipeline?
Während hierzulande über LNG-Terminals und Gaskraftwerke als Lösung für Dunkelflauten diskutiert wird, bleiben die Folgen unseres Flüssiggasverbrauchs in den Herkunftsregionen weitgehend unsichtbar. Für die Betroffenen dort sind sie oft dramatisch – ökologisch, sozial und gesundheitlich.

James Hiatt macht deutlich, dass der überdimensionierte Ausbau der LNG-Terminals eine Form von struktureller Gewalt gegen die lokalen Gemeinschaften darstellt. (Bild: Joe Cantu / GreenFaith)
Wie sich diese Entwicklungen konkret anfühlen und auswirken, wurde beim Klimadialog in der Pauluskirche deutlich. Misha Mayeur und James Hiatt machten auf ihrer Deutschlandtour auch Station in Dortmund, eingeladen von der Organisation GreenFaith im Rahmen der Kampagne „Breath of the Future – Wege aus der fossilen Ära“.
Misha und James machten greifbar, was oft abstrakt bleibt: den Verlust von Heimat, Gesundheit und Zukunftsperspektiven.
Der LNG-Boom – und Deutschlands Rolle
Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine 2022 hat Deutschland seine Energiepolitik rasant neu ausgerichtet. Flüssigerdgas (LNG) wurde zu einem Retter in der Not, um die weggefallenen russischen Lieferungen zu ersetzen. Parallel zum Bau deutscher Importterminals gibt es an der US-Golfküste ein regelrechter Exportboom. Gigantische LNG-Exportterminals schießen wie Pilze aus dem Boden.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Unternehmen Venture Global. Der Konzern baut und betreibt LNG-Exportterminals unter anderem in Louisiana. Deutsche Energieunternehmen wie EnBW und SEFE haben langfristige Lieferverträge abgeschlossen. Rund 75 Prozent des exportierten Gases gehen nach Europa. Das Gas, das in den neuen Terminals umgesetzt wird, ist fast ausschließlich Fracking-Gas aus New Mexico und dem Norden von Louisiana. Was hier als strategische Partnerschaft erscheint, hat vor Ort gravierende Folgen.
Cameron, Louisiana: Vom Fischerdorf zur Industriezone
Cameron war einst ein kleines, ruhiges Küstenstädtchen, geprägt von Fischerei, Garnelenfang und Viehzucht. Die Küstenregion Louisianas ist geprägt von sogenannten Wetlands – Marschland mit Feuchtgebieten und reichen Fischgründen, die nicht nur einzigartige Ökosysteme darstellen, sondern auch eine lebenswichtige Schutzfunktion erfüllen. Sie wirken wie natürliche Barrieren gegen Hurrikane. Doch seit 2005 zerstören Hurrikane wie Rita die Häuser der Bewohner. Die Bevölkerung schrumpfte drastisch. Die Erosion der Küsten nimmt weiter zu. Die zahlreichen Hurrikane verwandeln die Marschlandschaften in offenes Wasser.
Und gleichzeitig verwandelt sich die Region immer mehr zu einem Hotspot der fossilen Industrie. Durch Bauarbeiten verschwinden Lebensräume für Vögel, Fische und Krabben. Kanäle für die Industrie werden für die riesigen Gastanker ausgeschachtet und lassen Salzwasser in die Feuchtgebiete eindringen. „Früher war es ein Paradies“, berichtet James. „Heute ist es eine Zone der Zerstörung.“ Beim Ausbau des Cameroner LNG-Terminals wurde ein Kanal vertieft, der dabei entstehende Schlamm jedoch unsachgemäß entsorgt. Er gelangte in die umliegenden Marschgebiete – mit fatalen Folgen: Austern- und Muschelbänke wurden zerstört. Mit Folgen für die lokale Wirtschaft. Kleine Fischereibetriebe, einst Lebensgrundlage vieler Familien, machen dicht.
Gesundheit unter Druck
Die Belastungen bleiben nicht auf die Umwelt beschränkt. Die Menschen zahlen den Preis mit ihrer Gesundheit:
Die Feinstaubwerte sind so hoch, dass nur an weniger als 10 Prozent der Tage eine gute Luftqualität herrscht.
Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen zu. Krebsraten steigen, die Lebenserwartung sinkt.
Misha: „Viele Leute wissen nicht, woran es liegt. In Louisiana ist Krebs einfach eine Tatsache des Lebens. …
Erst nachdem ich in die Bewegung eintrat, wurde mir klar, dass Louisiana eine 40 Prozent höhere Krebsrate hat als jeder andere Bundesstaat in den USA.“
Viele Anwohner berichten zudem von Lärm, Lichtverschmutzung und chemischen Gerüchen. Die Lebensqualität verschlechtert sich schleichend – aber nachhaltig.
Umwelt-Ungerechtigkeit: die Ärmsten leiden am stärksten
Auffällig ist, wo die neuen Anlagen an der Golfküste entstehen: häufig in einkommensschwachen Regionen. Dort ist der Widerstand gegen Großkonzerne schwächer. In Louisiana, einem der ärmsten US-Bundesstaaten, haben Unternehmen wie Venture Global leichtes Spiel bei Genehmigungen. Umweltauflagen werden oft zugunsten wirtschaftlicher Interessen gelockert, Strafzahlungen fallen im Vergleich zu den Gewinnen kaum ins Gewicht. Hinzu kommt die allgemeine politische Agenda der Trump-Administration, die fossile Projekte weiter begünstigt. Umweltgesetze werden abgeschwächt, Bürgerrechte eingeschränkt. Das Engagement zivilgesellschaftlicher Organisationen wird zunehmend schwieriger.
James, aus einer Familie stammend, die seit Generationen in der Ölindustrie arbeitet, lässt sich davon nicht einschüchtern. Besonders stolz ist er auf seinen sonst streng konservativen Vater, der sich nun aus eigener Erfahrung und Einsicht in der Protestbewegung gegen die LNG Terminals engagiert. James: „Wir haben einige Erfolge gesehen, die nur durch Solidarität möglich waren. In dem System, in dem wir jetzt sind, steht der Profit im Mittelpunkt. Wir müssen mehr lernen, auf die Kostbarkeit des Lebens zu achten. … Das Leben ist jetzt da.“
Was bleibt zu tun?
Die zentrale Herausforderung liegt nicht nur im Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch im Umgang mit bestehenden fossilen Abhängigkeiten. Zentrale Forderungen der Kampagne „Breath of the Future“ von GreenFaith:
- Lieferketten müssen konsequent überprüft werden, auch bei Importen aus den USA. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sollte auch hier strikt angewendet werden.
- Wenn wir unsere eigenen Klimaziele wirklich ernst nehmen wollen, darf eine fossile Infrastruktur darf nicht weiter ausgebaut werden.
- In einem weiteren Punkt braucht es ein Umdenken: Energie ist keine abstrakte Ware. Sie hat immer einen Ursprung – und einen Preis, den oft andere zahlen. Wir dürfen uns nicht nur fragen, wie wir unsere Energie sichern, sondern auch: Auf wessen Kosten?
Mehr Informationen findet ihr hier:
- Kampagne „Breath of the Future“ von GreenFaith
- For a better Bayou (lokale Umweltorganisation)
- Frankfurter Rundschau, 11.10.24 Versteckte Emissionen beim LNG – Warum sogar Kohle am Ende umweltfreundlicher sein könnte.
Der Dialog wurde vom Klimabündnis Dortmund gemeinsam mit der KlimaAllianz der Religionen und Weltanschauungen organisiert.